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Ab 1989 habe ich in Berlin gelebt und dort ein wichtiges Kapitel der Weltgeschichte miterlebt.  1991, nach der Wiedervereinigung, habe ich Berlin "fluchtartig" wieder verlassen.




die mauer
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sie haben mir meine mauer genommen,                                                                                      mit ihrem schrei nach freiheit,
nach Deutschland-einig-Vaterland
was immer sie damit auch gemeint haben.
sie hat mir halt gegeben,
ich konnte mich nie verlaufen,
habe immer gewußt, wo meine feinde sind:
es war immer meine eigene seite gewesen.
in ihrem schatten ließ es sich gut leben,
ich hatte immer den rücken frei,
bei eventuellen angriffen.
und ich hatte immer den nötigen abstand
zu diesem deutschland,
das jetzt noch größer geworden ist,
dieses Großdeutschland,
und das für mich immer kleiner wird.
sie war eine klare linie, eine der wenigen,
auf die man sich verlassen konnte.
ein symbol der macht, aber auch
der duldsamkeit und der knechtschaft:
nicht nur die wölfe sind schuldig,
sondern auch die lämmer.

sie haben mir meine mauer genommen,
wo früher umwege erforderlich waren,
eröffnen sich jetzt irrwege
und statt eines energischen HALT!
höre ich jetzt ein zweifelhaftes Herzlich Willkommen.
die mißtrauischen blicke waren ebenso verbindlich,
wie die zahlreichen parolen auf dem beton
und jetzt lächeln sie durch löcher,
verkaufen die mauer meistbietend
und nicht nur sie, sondern auch sich
und zu allem überfluß in allem überfluß
auch noch mich.
dann sind sie über mich hergefallen,
von beiden seiten und unerbittlich,
mit bananen und schönen worten
und die neuen klänge auf den straßen
waren plötzlich wieder die ganz alten,
hervorgeholt aus den schubladen eines halben jahrhunderts.
und wo sie alle plötzlich herkamen
und wo sie alle plötzlich hingingen
und was sie alles schon immer gesagt hatten,
an was sie schon seit jeher geglaubt haben ...
der glaube, - er sollte sich darauf beschränken
berge zu versetzen und keine mauern.

sie haben mir meine mauer genommen
und damit die chance grenzen zu überwinden,
zwischen arm und reich, böse und gut,
hungrig und satt, sklave und herrenmensch,
farblosigkeit und schönfärberei.
plötzlich stehe ich all jenem gegenüber,
was ich schon immer geahnt habe
und jenem, was ich vergessen wollte
und längst viel weiter weg vermutet hatte.
ich habe auf einmal zwei vergangenheiten,
aber nur noch eine zukunft
und ich weiß nicht mehr, was bedrohlicher ist.
meine schatten und probleme habe ich
auf der anderen seite in sicherheit gewußt,
doch sie wurden gehegt und gepflegt,
haben sich vermehrt und sind gewachsen
und jetzt stehe ich ihnen wieder gegenüber.
wie dumm von mir, anzunehmen
da drüben wäre eine andere welt,
das haben die dort drüben doch auch geglaubt.

sie haben mir meine mauer genommen,
an der ich mich immer anlehnen konnte
oder den kopf stoßen und manchmal
auch ein dringendes bedürfnis erledigen.
von den holzgestellen konnte ich hinüberwinken
und manchmal winkte jemand zurück
und ich beneidete ihn darum.
ich habe immer gewußt, wann ich fortgehe
und wann ich nach hause komme,
und auf beides konnte ich mich freuen.
natürlich wird mir jetzt ein teil dieses landes
vertrauter werden, aber ein anderer teil
wird mir langsam immer fremder.
immer weniger kann ich mitreden,
immer lauter wird gesprochen,
doch kein echo kommt mehr von der ostwand,
selbst den teufel kann man nicht mehr daranmalen.
was zusammengehört wächst auch zusammen  -
sicher, eine wunde heilt mit der zeit,
doch nicht, solange das messer noch darinsteckt.








wieder vereint
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wieder vereint
sind wir, du und ich
und hatten nicht einmal gemerkt,
daß wir getrennt waren.

sicher, da war eine
unüberwindbare mauer zwischen uns,
von zeit zu zeit lächerliche fluchtversuche
auf beiden seiten,
oft lange vorbereitet, aber immer gescheitert.

wir haben dicht nebeneinander hergelebt,
doch uns nur aus der ferne beobachtet,
wir haben die gleiche sprache gesprochen,
aber uns niemals richtig verstanden.

unseren feind haben wir stets
beim anderen vermutet
und sind es doch immer
nur selbst gewesen.

manchmal haben wir kerzen
in unsere fenster gestellt,
als zeichen unserer liebe
und dann haben wir uns ratlos angesehen
und gewartet, und gewartet ...

die mauer zwischen uns
hat uns erst das nebeneinander ermöglicht,
uns gezeigt, wie unerreichbar nah wir waren.
wir konnten uns nie gefährlich werden,
aber uns auch nie verlieren.
unsere macht war die gewohnheit
und unsere ohnmacht auch.

und jetzt sind wir wieder vereint;
sind wir weiser geworden oder reifer
oder einfach nur ängstlicher und einsamer?
erst jetzt haben wir erkannt,
wie sehr wir getrennt waren,
haben diese gottverdammte mauer
zwischen uns eingerissen
und nun stehen wir uns gegenüber
und wissen nicht, ob du zu mir
kommen sollst, oder ich zu dir,
und wir begreifen,
daß uns jetzt nichts mehr voreinander schützt.








abschied von berlin
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bevor sie erwacht                
ziehe ich mich an und gehe
im morgengrauen.
vielleicht schreibe ich noch
mit ihrem lippenstift
es war schön
auf den spiegel.

um die abschiedsworte
drücke ich mich,
tränen wären fehl am platz,
nur die trauer
nehme ich mit ...

die trauer um die verpaßten chancen,
mit welcher zuversicht habe ich sie
damals ergriffen, überzeugt alles richtig zu machen,
doch dann eine nach der anderen
ungenutzt durch die finger gleiten lassen.

die trauer um die nichtgehaltenen versprechen,
gegeben in bestem glauben,
voller ehrlichkeit und unwissenheit
und letztendlich doch entlarvt
als irrtümer und lügen.

die trauer um das wissen vom scheitern,
vom langsamen schwinden der kraft,
vom ewigen finden und verlieren.
was morgens noch entdeckt wird,
ist abends bereits erinnerung.

was mich gestern noch getötet hat,
macht mich morgen unsterblich.

und noch etwas
nehme ich mit von hier:
die freude.

die freude über den kleinen händedruck
und die großen umarmungen,
über die unstillbare neugier
und die abenteuer,
zu denen sie mich geführt hat.

die freude über die verschlafenen tage
und die durchwachten nächte,
über die ruhelosigkeit
und die ausdauer,
mit der andere mich begleitet haben.
                               
die freude über die großen ereignisse,
in denen ich zu ertrinken drohte,
wenn sie wie wellen über mich hinwegspülten
und über die kleinen inseln,
auf die ich mich jedesmal retten konnte.

ich gehe mit vollen händen hinaus,
mit der wärme der nacht
in den kalten morgen.
wir haben uns viel gegeben
und nichts genommen
und wir haben uns nicht festgehalten,
das waren wir uns schuldig.

ja, wir sind uns nichts schuldig geblieben,
bis auf die abschiedsworte auf dem spiegel.
bevor ich schreiben konnte,
habe ich hineingesehen:
du bist nicht spurlos an mir
vorüber gegangen.

nicht wir selbst sind wichtig,
sondern die zeit,
die wir gemeinsam verbracht haben.









der letzte mensch
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der vorletzte mensch
lebt in einem glashaus
und wirft mit steinen                                               der letzte mensch
ist glaser
und freut sich auf
ein letztes geschäft

nicht die welt geht zugrunde
sondern die menschen -
gärtner und glaser -
des einen wut
ist des anderen blut





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Eine Horrorgeschichte



Als ich vor die Haustüre trete, werfe ich einen Blick nach oben und freue mich, daß die Sonne scheint. Im selben Moment trete ich in den Hundekot. So fängt es immer an! Jedesmal wenn ich in den Himmel schaue, trete ich in den Hundekot. Betrachte ich eine Hausfassade oder ein Schaufenster, schon trete ich in Hundekot. Ob ich auf der gegenüberliegenden Straßenseite jemanden grüße, die Schlagzeilen am Zeitungskiosk lese, das Laub der Bäume betrachte, immer trete ich in Hundekot, sowie ich meinen Blick nur für eine Sekunde vom Boden emporhebe. Hinter Hausecken und Litfaßsäulen scheinen die Hunde zu lauern, um mir vor die Füße zu scheißen. Ich weiß, so fängt es immer an und ich nehme mir vor, mich nicht darüber zu ärgern. Zumindest so lange nicht, wie ich nicht ausrutsche und zu Boden falle.
Mit aufmerksamen und gezielten Schritten und mit gesenktem Blick, mache ich mich auf den Weg. Ohne größere Zwischenfälle gelingt es mir, den U-Bahnhof zu erreichen. Höflichen Fragen nach etwas Kleingeld ("Haste mal ne Mark?"), sowie dem freundlichen Angebot eines finsteren Jugendlichen, etwas Hasch zu kaufen, konnte ich unterwegs widerstehen.

Auf der Treppe zum U-Bahnsteig bläst mir der Wind fast die Mütze vom Kopf. Unten angekommen verkürze ich mir die Wartezeit, indem ich auf dem düsteren und schmutzigen Bahnsteig auf und ab laufe. Dabei gebe ich mir Mühe, nicht in die zahlreichen kleinen Speichelpfützen auf dem Boden zu treten. Viele Menschen haben die Angewohnheit, von Zeit zu Zeit auszuspucken, egal jetzt mal warum. Wohin man schaut begegnet man diesen kleinen Treffern im großen Spucknapf und ich stelle mir nur kurz vor, wenn alle diese Menschen gleichzeitig ausspucken würden... Eine gewaltige Flutwelle würde mich vom Bahnsteig spülen.
Auf eine Bank setzen kann ich mich nicht, denn auf der einen liegt ein betrunkener Stadtstreicher und die andere ist mit Kebap-Resten dekoriert. Von den Wänden glotzen mich irgendwelche Reklameköpfe an, die mir eine bestimmte Zigarettenmarke oder eine Partei vorschreiben wollen. Ankündigungen von Ausstellungen und Konzerten kenne ich schon auswendig, sie vermitteln mir das Gefühl, daß oben das Leben weitergeht, selbst wenn ich das Tageslicht nicht mehr wieder sehen sollte.

Wieder bläst mir der Wind aus der finsteren Röhre ins Gesicht, Zigarettenkippen rollen davon, die Bahn kommt. Die Fenster sind schwarz vor Menschen, die Türen scheinen ausgebeult. Hilft nichts, ich muß rein, was mir einige böse Blicke der nach Luft ringenden Fahrgäste einbringt. "Zurückbleiben" ruft der Lautsprecher. Schön wärs, denke ich mir und versuche mich dann auf eine einsame Wiese oder einen stillen Wald zu konzentrieren. Das ist freilich kaum möglich, denn mit jedem Atemzug atme ich die alkoholgeschwängerte ausgeatmete Luft meines Gegenübers ein. Außerdem drückt mir irgendein Ellenbogen pausenlos in die Seite und an der Haltestange berührt mich ständig eine feuchte Hand. Irgendwo hustet jemand, ein anderer schneutzt sich. Vor meinem Gesicht erscheint eine Bild-Zeitung, vor allen anderen Gesichtern auch, zwangsläufig lese ich die Rückseite. Ein paar Reihen weiter hat sich wohl jemand die Zähne nicht geputzt, während ein anderer sein gestriges Tzaziki ausdünstet.

An der nächsten Haltestelle beginnt eine allgemeine Umschichtung, was jedoch nicht mehr Platz bedeutet, sondern allenfalls eine Verlagerung der Gerüche. Außerdem habe ich das Glück, eine andere Seite der Bild-Zeitung vor mir zu haben, was mir die Fortsetzung meiner Lektüre ermöglicht. Meine Atmung versuche ich so flach wie möglich zu halten, die Knie werden mir weich, der Schweiß bricht mir aus.Gerade noch rechtzeitig öffnet sich die Tür und ein Pulk von Menschen schiebt mich vor sich her, über den Bahnsteig, eine Treppe empor. Nur mit Mühe gelingt es mir ein Stolpern und damit meinen sicheren Tod durch zertrampelt werden zu verhindern. Im letzten Moment weiche ich geschickt Erbrochenem auf der Treppe aus und steige über leere Bierflaschen. Andere treten hinein, kicken dagegen, Scherben fliegen herum.

Auf dem anderen Bahnsteig sehe ich nur beiläufig die Reklamegesichter an den Wänden, eine andere Zigarettenmarke, eine andere Partei, aber die gleichen Konzerte und Ausstellungen. Oben ist das Leben, hier unten ist die Hölle. Auch hier schiebt die Bahn eine Wolke aus muffiger Luft, Zigarettenqualm und fliegendem Papierabfall vor sich her. Ich atme dennoch einmal kräftig durch, bevor sich die Türen der Bahn nach der, für mich vergeblichen, Aufforderung "Zurückbleiben" hinter mir geschlossen haben. Wieder starre ich auf die gleichen ausdruckslosen Gesichter auf und hinter den Zeitungen, beobachte die Zahnlücken beim Gähnen, entdecke Flecke auf Kleidungsstücken und Schmutz an den Schuhen.

Ich merke, wie meine Kraft nachläßt, habe das Gefühl, entweder sterben oder töten zu müssen. Mit monotoner Stimme werden die nächsten Haltestellen angekündigt, ich kenne sie alle. Auch die Menschen, die einsteigen oder nur auf den Bahnsteigen herunmlungern, kenne ich und sie kennen mich. Ich bin einer von ihnen, habe längst das gleiche frustrierte Gesicht wie sie, den langweiligen Gesichtsausdruck, die Hoffnungslosigkeit in den Augen, hier jemals wieder lebend rauszukommen. Und doch erlöst mich bald eine Stimme, retten mich vor dem bevorstehenden Suizid, mit dem Ausruf: "Endhaltestelle. Alle aussteigen!" Endlich am Ende, Aussteiger sein, von Ferne droht das Tageslicht. Menschenmassen quetschen mich über eine Rolltreppe hinaus aus dem Untergrund, der Oberwelt entgegen. Endlich kann ich wieder Luft atmen, wenn auch von Autoabgasen durchsetzt. Die Sonne sehe ich nur von weitem, denn hier am Busbahnhof befinde ich mich im Halbdunkel, was sicher gut ist, weil sich doch die Augen erst langsam an die Helligkeit gewöhnen müssen.

Der Busbahnhof ist mit tausenden Zigarettenkippen übersät, es befinden sich hier die unterschiedlichsten Essensreste, teilweise plattgetreten oder auf Bänken und in Telefonzellen verteilt. Cola-Dosen, Bierpfützen und Speichelkleckse, wehende Papierfetzen und Taubenkot. Die Menschen laufen darin herum, als sei das alles selbstverständlich und wahrscheinlich ist es das ja auch. Ich würde mich gerne in eine Ecke verkriechen, wenn nicht just in den Ecken der meiste Dreck liegen würde.

Endlich kommt der Bus. Wieder schiebe ich mich, Körper an Körper, mit den anderen hinein und los geht es. Mein Blick flüchtet aus dem Fenster. Alle zittern und wackeln gleichmäßig im Rhytmus mit der Vibration des Fahrzeuges. Sie torkeln vorwärts beim Bremsen, fallen zurück beim Beschleunigen, in den Kurven nach links, nach rechts, eine große Gemeinschaft, vereint durch identische Bewegungen ihrer Körper. Wäre der Bus ein Schiff, sie würden vermutlich auch alle gleichzeitig kotzen. Ich gebe mir Mühe, nicht dazuzugehören, wehre mich dagegen, doch vergeblich. Wenn dich erst einmal der Sog auf der Treppe zur U-Bahn gepackt und hinuntergezogen hat, kannst du  nicht mehr entkommen. Das Busfahren ist da nur eine Strafmilderung wegen guter Führung.

Vor dem Klinikum hält der Bus und fast alle steigen aus. Ein Pulk von etwa 25 Leuten läuft im Gleichschritt auf das hässliche Gebäude zu, ich mittendrin. Auch hier gibt es kein Entrinnen. Gemeinsam gehen wir über die Straße, quetschen uns gemeinsam über die Treppe, drängeln durch den Eingang, vorbei an der Massenabfertigung in der Halle und durch die menschenverachtenden Flure. Ich schaue nicht nach links und nicht nach rechts, sehe aber vor mir welche laufen, spüre sie neben mir, höre sie hinter mir. Wir sind alle noch zusammen, keiner ist verloren gegangen.

Als der Lift kommt, rücken alle wieder auf die gewohnte, Körperkontakt fördernde Nähe zusammen und wie befürchtet passen alle hinein. Zugelassen für 24 Personen steht an der Wand. Ich fühle mich wie der Fünfundzwanzigste und möchte laut schreien. Nur keine Energie verschwenden, denke ich mir aber, falls wir stecken bleiben. Schon rechne ich damit, den Rest meiner Tage mit diesen Menschen verbringen zu müssen und beginne, mir die Gesichter näher anzusehen. Mir wird schlecht, meine Fäuste sind geballt, aber ich habe keine Kraft mehr. Willenlos lasse ich alles mit mir geschehen. Irgendwann wird mich irgendwer schon aus dem Lift, dem Bus, der U-Bahn hinauswerfen, beschimpfen, ausstoßen und ich werde dann vor der geöffneten Tür auf dem Boden liegen, wie ein Fremdkörper, den die Menschenmasse ausgerülpst hat, die sich hinter den Türen aneinander drückt und reibt und mit Fingern auf mich zeigt. Dann wird sich die Tür schließen und ich werde alleine zurückbleiben. Alleine und frei.
Ich werde Zeit brauchen und Kraft sammeln für die nächste Fahrt, denn ich weiß, irgendwo dort unten lauern sie bald wieder auf mich, rotten sich zusammen, um mich mit Exkrementen, Abfällen und Ausdünstungen niederzumachen, mit ihren tristen grauen Gesichtern und ihrem selbstgefälligen Gerede.
Aber freiwillig kriegen die mich nicht!




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geschrieben unterwegs:
U-Bahnhof Südstern/Kreuzberg, U-Bahn Linie 7, Berliner Straße, Linie 9, Rathaus Steglitz, Bus Linie 88, Klinikum Steglitz.
Jede Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit ist nicht beabsichtigt, sondern zwangsläufig.

                              


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Nach sehr vielen Jahren habe ich wieder Kontakt zu Edelgard, einer Freundin aus meiner Berliner Zeit. Sie arbeitet als bildende Künstlerin, gestaltet Plastiken, malt, fotografiert, schreibt und beherrscht wohl auch ein wenig die Lebenskunst. An einigen Ausstellungen hat sie bereits teilgenommen und es freut mich besonders, dass ich mit ihrer Erlaubnis hier einen Text mit Foto von ihr veröffentlichen kann.





Wie hineingewebt
war ihr Blick durch den Store,
den ihr Atem bewegte.
Er hatte keine Falten,
mit Stecknadeln fixiert,
einfach aufgehängt
an zwei Nägeln,
fing er ihr Sehen
durch sein Muster: 

Die Hauswand, grün befühlt vom vielen Regen,
den schmalen, gepflasterten Weg daran entlang.
Nach ein paar Metern endete er vor einer Tür. Niemand ging auf ihm.
So verlor sie sich in Gedanken.
 
Ein Hahn krähte nebenan.

Ihre Wimpern verfingen sich im Gewebe,
f l a  t t e r t e n,
so als wollten sie fliegen.

Sie betrachtete das zuckende Licht
in den Fenstern gegenüber,
jemand sah fern.
Für sie war es Blindsehen,
erinnerte an Spiele unterm Tisch,
an Skatabende ihrer Eltern
mit den Nachbarn.

Wie mit etwas, wie im Traum, flog sie weiter hinein.

Der Wind zog durchs Zimmer,
das mit Fenstern um sich herum sah.
Ein Besen hatte sich an die Wand gelehnt,
einer lag untüchtig am Boden.

Sie sah altes Mobiliar am Wegrand...
Alles verkehrt herum,
wie auf links angezogener Blick.

Tischflächen
mit buntem Plastik bedeckt,
das Schonungstuch mit Motiv
...und wie Wartende,
die Holzstücke,
in schwarzen Eimern zusammen gehalten, 
einst Baum.

Sie wollte hinein, da war sie hinaus.

Sie bewegte synchron ihre Lippen zur Lesung über Katzen und spitzte die Ohren,
als trage sie Hut,
schaute ein wenig
scheinheilig an sich vorbei,
hörte vor.

Lippengeformtes tonloses Wort, verschluckte sie
und bekam ganz natürlich einen Schluckauf
...Hick.

"Sie müssen einfach nur zuhören",
sagte Frau Tietze.

Vom Schutz umstellt,
lief sie um die Parkbank herum,
tat so, als öffnete sie Türen,
ahmte typische Bewegungen
im Raum.

Die Linse ihres  Fotoapparates war beschlagen,
simulierte Stimmungen, 
auf die sie nicht gewartet hätte. 
Sie löste aus.

Wir könnten bleiben, bis es schneit,
sagte sie zu sich selbst
und malte mit dem Finger
auf die beschlagenen Fensterscheiben.

Im Unterstellhaus der fehlenden Wände
wartete sie auf Bilder, die ihm erscheinen.


Text und Foto: cop. by Edel Exel, Berlin




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ach ja, die siebziger...









sonntag                                     
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damals
war der morgen
einer von jenen
die nicht
ausgelaugt von der nacht
mit verkohltem toast
um sich warfen
und hoffnungen
in kaltem kaffee
ertränkten

das licht der sonne
kroch durch das fenster
über die wand
erreichte mich noch
in der hintersten ecke
ohne nach mir zu greifen
und starb nicht
gleich bei dem
bob-dylan-poster

die einzigsten schatten
geworfen von der
rauhfaser-tapete
auf sich selbst
waren keine grenzen
für meine träume
sondern verdeckten
allenfalls nur
die grauen wände

ich glaubte
die schattensymbole
an den wänden
nachzeichnen zu müssen
um ihre gleichgültige
abstraktion für den fall
später eventuell auftretender
erinnerung
zu konservieren

ich kam mir
schrecklich schlau vor -
damals 

später
hörte ich mir
amerikanische musik an
fühlte mich dadurch
irgendwie
mit ihr verbunden
weil es eine melodie war
bei der sie einmal
mitgesungen hatte
als ich sie das erste mal
im radio hörte

ich ging im zimmer
auf und ab
umrundete mich selbst
in meiner finsteren ecke
verfluchte buchhaltungen
manchmal auch
badminton-spielen
und drehte den
fernsehton vorzeitig ab
um mir die schlußmusik
von bonanza zu ersparen

es blieben nur noch
wenige stunden
zu zählen
die noch fehlten
an der vollzähligkeit
des tages
und ich sonnte mich
in dem gefühl
es wieder einmal
geschafft zu haben
ohne jedoch zu wissen
wie lange noch

dann ging ich hinunter
auf die straße
lief in irgendeine richtung
sah auf der anderen seite
einen menschen
auf dem boden liegen
andere standen herum
ich schaute verlegen
zur seite
ging weiter
suchte mir einen anderen
rückweg

ich kam mir
unheimlich schlecht vor -
später 





an diesem abend
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an diesem abend                              
war die dunkelheit
dunkler als sonst
der regen war der regen
und das matte licht
auf dem straßenpflaster
war das blut der nacht
und die einsamkeit
war die einsamkeit

die atmosphäre
in diesem zimmer
bestand zum einen
aus zigarettenrauch
und zum anderen daraus
daß es sie nicht gab

da war die alte kommode
auf der die kerze stand
deren flamme die decke
dunkel färbte
und deren wachs
auf den boden tropfte
und mit etwas fanthasie
konnte man aus den
gegenüberliegenden fenstern
weihnachtsgesang hören

das bett schien ebenso
zerwühlt wie unberührt
schon drei mal
die große wäsche übergangen
mit brandflecken von zigaretten
und wirkte zwischen
blümchentapeten
als tatsache
gegeben und unabänderlich

deine worte hingen
unter der grauen decke
wie fledermäuse
die im schlaf zuckten
und meine ansichten
waren karrikaturen
an den wänden
über die du lachtest

du hattest ja so recht
aber ich
verstand das nicht

später in der nacht
schlugen sie vor dem fenster
auf der straße
jemanden zusammen
und mit ihm
die stille der nacht

unser beider stimmen
waren heiser
und nicht mehr die selben
als es tag wurde
und ich über leere gläser
und volle aschenbecher stieg
um alles zu vergessen

als ich hinaus
in den morgen trat
war die straße leer
doch ich glaubte mich
dort liegen zu sehen

ich floh zur nächsten
telefonzelle
um deine stimme zu hören
und das durchatmen
tat mir weh
obwohl mir die luft
an diesem morgen
besonders rein erschien

 
 



 


an diesem morgen
__________________________________
 

 
an diesem morgen
verschlief der tag
die ersten stunden
und ich hatte die nacht
schon vor ablauf
der regulären zeit
verlassen

unausgefüllt
lagen einige stunden
hinter mir
ungewiss
lagen einige jahre
vor mir

nie hatte ich so schnell
mein zimmer verlassen
welches mir plötzlich
fremd erschien
sogar die fliege
die mich in der nacht
mit ihrem brummen störte
war gestorben

zunächst bewegte ich mich
wie eine marionette
über die straße
vorbei an dem kiosk
wo sie über politik redeten
und meine gedanken
exerzierten noch
im schutze der dunkelheit

das vergessen war schwer
und es war kalt
an diesem morgen

die sonne kletterte
auf den wald
am horizont
verwandelte hochhäuser
in schattenbilder
und die luft
vereist von der nacht
taute langsam auf

dein mantel
hing noch an meiner gardereobe
du hattest ihn vergessen
aber es war ein alter mantel
und du würdest ihn
wohl nicht mehr benötigen

an diesem morgen
dem immer gefürchteten
aber immer erwarteten
fehltest du mir mehr
als an allen anderen morgen vorher
an denen du mir gefehlt hattest
und - leider -
wahrscheinlich auch mehr
als an allen anderen morgen
in der zukunft

und weil das so war
erschien es mir
besonders kalt
an diesem morgen

an diesem
elenden
traurigen
unwirklichen
morgen

 




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in dieser stadt
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abends steigt das licht
auf die mauern der kirche,
die stunden nähren sich
mit sich selbst,
die worte verirren sich
in ihrer vielzahl
und die alltäglichkeit
stirbt an ihrter banalität.

an den fassaden der häuser
hängen die willkommensgrüße
für den erlöser
und hinter den türen
schläft das establishment.

in der unfähigkeit zu leben
liegt nicht der tod,
sondern lediglich das überleben.
angst ist das privileg der denkenden
und gefühle sind versteckt
hinter polstergarnituren
und in anbauschränken.

irgendwann schleicht sich der tag
zwischen die gemäuer
und der sturm,
der im morgengrauen
durch die straßen fegt,
ist das große aufatmen.

an diesem tag
wird es coca-cola regnen
und micky-mouse und kulenkampff
werden in die stadt marschieren
und alle glauben noch immer
an ein gesellschaftsspiel 




(Foto: "Champagnerwiesen"                      Link: Ammersee)


begegnung am ostersonntag

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es ist wie ein undefinierbares ahnen,
wie das erkennen einer wunschwahrheit
durch milchglasvorurteile.
wie das zusammenfügen ganzer sätze
aus belanglos daher gesprochenen worten.

und es ist wie das experimentieren
an den farblosen vorstellungen
eines nie ausverkauften
kleinstadttheaters.

eine in sand versunkene
kristallzukunft,
deren glitzern eine windrose ist,
bis der stein der erkenntnis
geworfen wird.

es ist die vergangene lektüre
einer veralteten, vom wind
über eine sumpfige wiese gewehten
besserwisserzeitung.

es ist wie ein undefinierbares ahnen,
das wie weiße striche auf
überflogenem autobahnasphalt
verloren geht,
bevor es zum wissen wird.

der nicht funktionierende münztankautomat.
eine bratwurst an einer imbissbude.
zwei flaschen türkischen weines.
ein federballspiel am sonntagnachmittag.
der aus der ferne beobachtete wiesenspaziergang.
die einladung zum abendessen.
eine autofahrt.
kartenspiele um ein paar groschen.
ein paar blicke.
belanglos klingende worte nach mitternacht,
die es nicht sind.
die letzte zigarette.
ein paar gedanken.
dieses lied...   




 

die lichter von offenthal

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die dunkelheit ist ein klavier
mit schwarzen tasten
und der mond ist eine leselampe
für die träume.
es ist kalt hier draußen
auf den feldern am waldrand
und der wind,
der über den flachen horizont weht,
bringt die lichter von offenthal.

in mir brennt etwas
und das ist gut so,
jetzt in der inneren und äußeren
kalten zeit.
ich habe etwas angst davor,
mich in dich zu verlieben
und glaube zu wissen,
dass es schon längst geschehen ist.

der boden ist gefroren,
es wird keine spuren von mir geben,
die luft ist klar und sticht ein wenig
wie nadeln.
da ist doch irgendwo noch eine sonne...
mein gott,
DA GIBT ES DOCH NOCH EINE SONNE!!!
das leben ist schön,
immer wenn ich traurig bin
ist das leben schön.

jetzt auf diesem plateau
am rande der wirklichkeit
kommen die schlafenden sehnsüchte
aus ihrem exil
und tausend worte salutieren,
keines zu viel und alle dennoch gesagt.

da findet doch noch etwas statt,
dort wo das leben stattfindet ist krieg,
natürlich wird es opfer geben, aber
DA FINDET DOCH NOCH ETWAS STATT!

und der wind,
der über den flachen horizont weht,
bringt die lichter von offenthal.
in den schatten lebt deine gegenwart,
die weißen tasten im klavier der nacht.
so etwas muss es geben,
so etwas muss blühen,
das ist unbegreiflich.
da ist irgendwo noch so viel mehr,
als ich begreifen kann.

                                       

(für Petra) 

                                          


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Kiosk am Wannsee/Berlin



"...sicher, eine Wunde heilt mit der Zeit, doch nicht, so lange das Messer noch darin steckt."


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(sämtliche Texte und Fotos: cop. by h.lederer) 

(Ausnahme: Foto Himmel über Berlin - cop. by Suhrkamp Verlag bzw. Autoren,                                         sowie Text und Foto von Edel Exel, Berlin, cop. bei ihr.)

 
     
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