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PLEYENFELD-BLUES ist die Geschichte eines Geschäftsmannes, der mit den Ritualen seines Berufes hadert und anlässlich eines Seminars in einer abgelegenen Gegend mit der Welt der dortigen Jugend und seinen verdrängten Ausbruchswünschen konfrontiert wird.


Hier einige Auszüge aus der Geschichte:

Im Restaurant ist ein kleiner Imbiss gerichtet, die Männer stehen herum, Kaffeetassen in der Hand, die Aktenkoffer liegen auf Tischen, aufgeklappt wie kleine tragbare Altäre oder stehen eng bei Fuß, wie artige Schäferhunde.

Der Seminarleiter tritt auf. Und es ist ein Auftritt, denkt Thorwald, noch dynamischer als alle anderen, weil zwar mit Krawatte, doch ohne Jackett und die Ärmel umgeschlagen, und vor allem so präsent, dass jeder sofort seine Anwesenheit mitbekommt und sich nach ihm umdreht. Nur die zuletzt gekommene Frau nicht, sie schenkt sich gerade einen Kaffee ein und straft ihn durch nicht hinschauen, was er selbstverständlich sofort registriert. Wir haben alle alles gelernt, denkt Thorwald und folgt den anderen in den Seminarraum.

Nachmittags Kaffe und Kuchen, wieder Zigaretten auf der Terrasse. Thorwald hat schon vor Jahren damit aufgehört. Er holt sich einen Kaffee. Der Stille schaufelt gerade einen Apfelkuchen in sich hinein und Schiller kommt strahlend auf ihn zu. Er hat eine neue Theorie, denkt Thorwald und geht zur Toilette. Schiller folgt ihm. Aus der Nachbarkabine erzählt er seine Überlegungen. Thorwald verlässt seine Kabine lautlos und ohne die Wasserspülung zu betätigen. Er hört Schiller noch reden, als sich die Toilettentür hinter ihm schließt. Beim Pissen musst du sie erwischen, denkt Thorwald, da sind sie am verletzlichsten, beim Pissen und beim Scheißen.

Draußen ist es dunkel geworden, die Luft im Seminarraum ist abgestanden. Thorwalds Kopf ist nach vorne auf die Brust gesunken, ein anderer hängt weit nach unten gerutscht in seinem Stuhl, den Kopf im Nacken, die Augen zur Decke gerichtet und den Mund leicht offen, so als sei er gerade gestorben. Einer reinigt sich mit einem Schweizer Offiziersmesser die Fingernägel, der Seminarleiter sortiert immer wieder die gleichen Papiere, packt sie zum dritten mal bereits zusammen, die Frauen tuscheln, Astrid Sager schiebt sich einen Träger ihres BHs unter dem Hemd zurecht, der Stille hört aufmerksam zu, sieht aber so aus, als verstehe er kein Wort und Schiller redet. Erst als Thorwald krachend nach vorne auf den Tisch fällt, stockt Schiller in seinem Redeschwall. Die Sager sitzt sofort wieder aufrecht, die Hände artig am Laptop, die beiden anderen Frauen schweigen, der Halbtote feiert Wiederauferstehung, scheint aber momentan nicht mehr zu wissen, wo er sich befindet. Der Seminarleiter ergreift die Gelegenheit, den ersten Sitzungstag für beendet zu erklären und wünscht allen Teilnehmern einen schönen Abend. Thorwald reibt sich die Stirn, mit der er auf seinem Laptop aufgeschlagen ist und das Programm zum sofortigen Absturz gebracht hat.

„Was machst du hier?“ fragt ihn Anna. „Ich bin nur auf der Durchreise,“ sagt Thorwald. „Ich habe eine Wagenpanne.“ „Du kannst hier pennen,“ schlägt Pete vor. „Das Haus ist leer.“ „Ist das euer Haus?“ „Gehört meiner Oma. Die ist aber nicht da.“ Thorwalds Blick liegt auf der großen Truhe, die in einer Ecke steht. „Wir müssen aber vorher noch mal weg. Kannst mitkommen. John hat auch ein Auto.“ „Wo kann man hier abends noch hin?“ fragt Thorwald und fügt in Gedanken hinzu: Außer in den Freitod. „Wirst schon sehen. Macht Spaß.

Die Tür der Tankstelle fliegt auf und Pete und John kommen herausgerannt. „Los, in den Wagen,“ schreit Pete und Anna springt von der Motorhaube. Thorwald schaut sich irritiert um. „Los rein,“ brüllt Pete noch mal, John sitzt bereits hinter dem Steuer, der Motor heult auf und Anna packt Thorwalds Hand. Beide rutschen auf den Rücksitz und der Wagen jagt Steine und Staub aufwirbelnd mit zuknallenden Türen davon.  Pete und John jubeln, Anna lacht und Thorwald wird langsam klar, dass sie soeben eine Tankstelle überfallen haben.

„Ihr könnt doch nicht wegen ein paar Chips in den Supermarkt einbrechen?“  Pete sieht Thorwald erstaunt an. „Warum nicht?“ Thorwald schüttelt den Kopf. Sie wissen nicht, dass sie was unrechtes tun. Sie klauen sich den ganzen Abend zusammen, nur so zum Zeitvertreib und aus Langeweile. Aber sie halten es nicht für Unrecht. „Macht was ihr wollt,“ gibt er klein bei und rückt enger zu Anna, die sich sofort wieder an ihn schmiegt. „Macht doch was ihr wollt.“ Pete und John lachen. Mitternacht ist längst vorbei.

Es ist fast acht Uhr, als er langsam den Hügel hinauf zum Seminarzentrum geht. Sein Kopf schmerzt, aber die kalte Luft tut gut.  Von weitem schon sieht er die Seminarteilnehmer vor dem Zentrum stehen, wo sie noch eine Zigarette rauchen oder etwas frische Luft schnappen, bevor die anstrengende Veranstaltung weitergeht. Er erkennt Astrid Sager, die neben dem Seminarleiter steht und raucht. Seit wann raucht sie? Ob sie die Nacht miteinander verbracht haben, überlegt Thorwald. Schiller steht da und redet mit dem Stillen, der Glatzkopf strahlt zwischen den beiden anderen Frauen. Und plötzlich verstummen die Gespräche, als sie Thorwald über den Parkplatz kommen sehen. Die Haare zerzaust, das Gesicht voller Lippenstift, Mantel und Jackett schmutzig, Rotweinflecken und Essensreste, das Hemd bis zum Gürtel offen und zerrissen. Alle schauen ihm entgegen, einige mit offenem Mund, sogar Schiller plötzlich sprachlos.

                                                                          (wer`s lesen mag...)








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aus dem Internet:

Mure auf der Brenner-Autobahn
In der Nacht zum Samstag, den 15. August 1998 wurde durch einen heftigen Gewitterregen eine Mure ausgelöst, die sich bei Fortezza (Franzensfeste) über die Brenner-Autobahn ergoß, wo fünf Personen von den Schlammassen getötet wurden. Die Paßstraße war für viele Stunden unpassierbar.
Muren sind Schlammlawinen, die sich je nach ihrem Wassergehalt mit Spitzengeschwindigkeiten von mehreren Zehner Stundenkilometern einen Abhang hinabbewegen. Ausgelöst werden sie gewöhnlich von starken Niederschlägen oder durch das starke Wasserangebot während der Schneeschmelze. Sie entstehen, wo lockerer Boden und Schutt auf steilen Hängen liegt und mangels dichter Vegetationsdecke nicht von Wurzeln festgehalten wird. Feuchtes Bodenmaterial ist normalerweise ausreichend standfest. Wird aber die Wassersättigung überschritten, so bricht die Standfestigkeit plötzlich zusammen, das Schuttmaterial verhält sich wie Treibsand und wird fließfähig. An steilen Hängen kann die Schlammlawine dann beträchtliche Geschwindigkeiten erreichen und Bäume, große Gesteinsblöcke, Autos und Gebäude mit sich reißen.
Die Alpen sind ein junges und daher schroffes und steiles Gebirge. Die Täler wurden zudem während der Eiszeit durch die Gletscher stark eingetieft und erhielten übersteilte Hänge. Außerdem ließen die Gletscher lockeres Moränenmaterial zurück, ein Gemisch aus feinstem Ton und Steinen in allen Größen, das sich hervorragend als Rohmaterial für die Murenbildung eignet.
Straßenbau, Rodung von Wald und Gebüsch für die Besiedelung, für Landwirtschaft und Skipisten sowie die Schwächung von Vegetation durch Luftschadstoffe begünstigen die Entstehung von Muren.
 
© Geologische Staatssammlung München





Da fährt eine Familie von Hamburg nach Italien in Urlaub, lange geplant, Quartier gebucht, Strandnähe, endlich mal raus aus dem Alltag, Sonne und Meer, die Oma versorgt die Haustiere und die Blumen.
Da fährt der Papa acht Stunden quer durch Deutschland, die Mama erinnert an die Pausen, Kaffee und Limo auf überfüllten Raststätten, das Kind quängelt auf dem Rücksitz. Durchhalten, wir sind ja bald da.
Nur noch schnell über den Brenner, die Grenzen sind abgeschafft, in der Nacht gibt es keinen Stau, der Regen hat etwas abgekühlt, nichts steht mehr den schönsten Wochen des Jahres im Wege.
Mama, was ist das für ein komischer Name: Franzensfeste? Frag Papa, der kennt sich in Geschichte besser aus.
Die Verlegenheitsantwort bleibt ihm erspart. Der Berg hat sich entschieden, die Urlaubsreise hier zu beenden.
Eine Muräne ist ein aalförmiger Fisch mit scharfen Zähnen, von jedem Fischer im Netz gefürchtet, das kennt man in Hamburg. Eine Moräne kennt man dort nicht, eine Mure auch nicht, aber man hat zumindest schon mal gehört, daß es in den Bergen so etwas gibt.
Alles hat man eingeplant, für diesen Urlaub, nur das nicht: den Tod!

Was bewegt einen Berg? Wenn es nicht der Glaube ist, dann vielleicht der Regen in Verbindung mit der fortschreitenden Umweltzerstörung. Natürlich der ausgetrocknete Boden, der Wolkenbruch, die Wassermassen, das Baumsterben, die zu enge Bebauung, die mangelhafte Hangsicherung - die menschliche Sorglosigkeit, oder besser: Überheblichkeit.
Aber was veranlaßt den Berg dazu, sich gerade diese Familie auszusuchen? Tausende von Fahrzeugen passieren täglich diese Stelle, doch gerade in dieser Sekunde, nach vielen Stunden und hunderten von Kilometern ist der Moment X. Das kann doch kein Zufall sein.
Laßt uns daran glauben, daß es kein Zufall ist, sonst wäre es doch einfach zu banal, zu lächerlich. An solchen Sekunden kann doch kein ganzes Leben scheitern. Irgend ein Berg entschließt sich plötzlich, den Lebensweg von fünf Menschen, die weit entfernt zu Hause sind, pardon: waren, und nur ganz zufällig hier vorbeigekommen sind, zu beenden. Das kann doch kein Zufall gewesen sein.

Was hat dieser Berg mit uns zu tun, daß er sich anmaßt unsere Urlaubsfahrt und unser Leben einfach so abzubrechen? Ob es ein Berg ist oder ein entgegenkommendes Auto, eine Seilbahn die von einem Düsenjäger gestreift wird oder ein Stadtbus, der in einen U-Bahn-Krater einbricht. Die banalen Möglichkeiten sind vielfältig und unsere Machtlosigkeit ist es auch.

Oder dieser dämliche Radreifen des ICE, der sich plötzlich entschließt zu brechen und für hundert Menschen das Ende an einem Brückenpfeiler bedeutet. Die waren in umgekehrter Richtung unterwegs. Zufall? Das läßt sich doch nicht planen, so ein plötzliches, scheinbar sinnloses Ende. Gerade haben wir im Speisewagen doch noch einen Drink bestellt. Sorglos wollten wir reisen und sicher, fernab der Straßen.

Die Reiseroute, die Ankunftszeit, was wir machen, wenn wir dort sind, wie es sein wird, wenn wir wieder zu Hause sind. Ob wir die Luftmatratze mitnehmen, ob wir die Kaffeemaschine ausgeschaltet haben, wem wir Postkarten schreiben und wem nicht, alles können wir planen. Und wir suchen die kürzesten und die schnellsten Verbindungen aus.
Würden wir berücksichtigen, daß es vielleicht eine Verbindung ins Jenseits sein könnte, wir würden uns mehr Zeit lassen und sicher gerne möglichst lange Umwege gehen. Und wir würden uns bei unseren Planungen auf das Wesentliche besinnen. Doch bevor wir das begriffen haben, ist es meistens schon zu spät.

Dabei hätten wir noch lernen können, daß sich weder die Natur noch die Technik von uns beherrschen lassen und daß wir selbst das schwächste Glied in der Kette sind. Und Zufall ist es ganz sicher auch nicht gewesen, denn schließlich überlassen wir nichts dem Zufall. Wir planen unseren Weg und wir planen unser Ziel, unsere Zukunft. Doch wir vergessen allzuschnell, daß die der größte Unsicherheitsfaktor in unserem Leben ist.



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ist die Geschichte eines alleinstehenden und recht einsam lebenden Mannes, der sich in seinem Dorf von den Nachbarn beobachtet fühlt und sich deshalb eine Wohnung in einem anonymen Hochhaus in der Stadt sucht.

Hier entdeckt er ein versteckt montiertes Abhörmikrophon in seinem Flur. Zunächst ist er sehr empört darüber, doch sein Ärger weicht sehr schnell einer Neugier. Was ist an seinem Leben so interessant, dass es sich abzuhören lohnt? Und wer sitzt am anderen Ende dieser Leitung? Er beginnt jeden zu verdächtigen, begegnet den Hausbewohnern misstrauisch, beginnt aber auch gleichzeitig sein Leben nach dem Mikrophon auszurichten. Er fängt an laut mit sich selbst und schließlich auch direkt mit dem Mikrophon zu sprechen. Endlich ist da jemand, der ihm zuhört, jemand, mit dem er reden kann, wenn er nach Hause kommt.

Irgendwann überlegt er jedoch, dass dieses Mikrophon vielleicht gar nicht ihn betrifft, sondern seinem Vormieter galt. Er fängt jetzt an, die Spur seines Vormieters zu suchen und verwickelt sich dadurch immer mehr in ein Geflecht von Beziehungen, Intrigen und undurchschaubaren Zusammenhängen. Er verlässt seine selbstgewählte Anonymität, nimmt Kontakte zu seinen Nachbarn auf, zu ehemaligen Freundinnen seines Vormieters und auch zu dessen Feinden.

Es entsteht ein verwirrendes Spiel von Liebschaften, Trennungen, Lügen, Eifersucht, Schlägereien, Racheaktionen und Sachbeschädigungen. Hat er anfangs noch überlegt, was in seinem langweiligen Leben das Abhören überhaupt lohnt und seinen Vormieter um dessen aufregendes Leben beneidet, so schlüpft er immer mehr in dessen Rolle, ohne ihm selbst näher auf die Spur zu kommen. Er übernimmt dessen Leben, beginnt wilde Affären mit dessen ehemaligen Partnerinnen, zieht den seinem Vormieter geltenden Ärger der betrogenen Ehemännern und Freunden auf sich und verstrickt sich schließlich auch in die kriminellen Machenschaften seines unbekannten Vormieters.

Seine neue Wohnung verwahrlost immer mehr, sein Äußeres verändert sich ins dramatische, seinen Arbeitsplatz verliert er, er trinkt und raucht plötzlich und er verliebt sich in seine Nachbarin, eine ehemalige Geliebte seines Vormieters.

Nichts erinnert noch an sein früheres Leben und als sein neues Leben immer verwirrender, undurchschaubarer und chaotischer wird, ohne dass er einer Aufklärung der Vorgänge näher gekommen wäre, lässt er alles hinter sich und „schleicht sich einfach seitlich aus der Geschichte“.


„Wollen sie mir nicht erzählen, was mit ihnen los ist? Ich bin zwar viel jünger als sie, aber vielleicht kann ich ihnen gerade deshalb helfen. Ich bin ein guter Zuhörer und habe immer ein offenes Ohr.“

Erschrocken sieht er sie an. Ein offenes Ohr, denkt er, das habe ich mir doch immer gewünscht und dabei denkt er an das Mikrophon. Ein wirklich offenes Ohr nach fünfzehn Jahren Einsamkeit. „Ein offenes Ohr, ein offenes Herz..., ein offenes Messer,“ sagt er und wirft seine Zigarette in den Fluss.

„Es gab einmal einen solchen Fluss,“ beginnt er zu erzählen, „an dem lag eine Fabrik, die ihre salzigen Abwässer hineinfließen ließ. Das Wasser wurde immer salziger, Pflanzen und Fische starben, jedoch nicht ganz. Es entwickelte sich eine völlig neue Pflanzen- und Tierwelt, die geradezu einzigartig in einem Fluss war. Es entstand eine richtige Salzwasservegetation und sogar Meeresfische konnten in diesem Fluss leben. Es war eine Sensation und wurde unter Naturschutz gestellt. – Wegen fortschreitender Umweltzerstörung mussten jedoch alle Fabriken ihre Abwässer reinigen, so auch diese Fabrik. Plötzlich wurde kein salziges Abwasser mehr in den Fluss geleitet und das Flusswasser wurde immer sauberer. Die Naturschützer waren froh, doch in dem Fluss starb alles Leben, weil es längst das Salzwasser zum Leben brauchte.“

Eine Weile schweigen die beiden nachdenklich. „Das ist aber eine traurige Geschichte,“ sagt das Mädchen und er sieht sie an. Lange, schweigend, dann nickt er. „Ja, das ist eine traurige Geschichte.“

DAS OFFENE OHR
Eine traurige Geschichte

© helled-lyrik stuttgart

(Fotos: Frankfurt/Main - Links: Wald bei Stuttgart, Kirche in München)



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Gran Pilastro 3510 m  Zillertaler Alpen      __________________ Als ich 1991 von Berlin nach Bayern gekommen bin, habe ich mit meinen Bergtouren begonnen. In den ersten sechs Wochen bin ich von Gipfeln mit 1500 m bis 3500 m aufgestiegen und somit in Höhen gekommen, die ich mir vorher nicht vorstellen konnte.                     Damals dachte ich mir, wenn ich das schaffe, dann schaffe ich auch alles andere. Und irgendwie ist es dann ja auch so gekommen...          (Link: Gipfelgrat Zillertaler Alpen)




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Dieser Titel für einen Textzyklus lautet deshalb so, weil diese Tage nicht mit dem einfachen Erleben zu Ende gegangen sind, sondern mit den Gedanken darüber und dem Niederschreiben noch lange weiter gegangen sind. So entstanden zahlreiche Texte über ganz alltägliche Begegnungen, von denen hier nur eine kleine Auswahl veröffentlicht wird.



DIE ANDERE DUNKELHEIT

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Die Nacht ist etwas Seltsames, Trennendes und Vereinendes, etwas Stilles.
Nicht die Nacht in der Stadt, die ist lärmend, extrovertiert, die ist Licht und Lachen, Stein und Regen. Ja, auch an den lauen Abenden regnet es wohl ein wenig, aber man merkt es nicht so. Man ist weit weg. in so einer Nacht in der Stadt, auch wenn man den Schweiß und die Küsse seines Nachbarn spürt, so ist man doch weit weg. Nur alleine ist man nicht, nein, zwischen vielen Einsamen ist man nicht alleine. Ich meine nicht die Nacht in der Stadt, ich meine die Nacht draußen in den Dörfern, in meinem Dorf.

Mein Blick auf die Straße zeigt mir Dunkelheit. Nur vereinzelt sehe ich noch Lichter in irgendwelchen Fenstern. Hier sind die Nächte introvertiert, bestehen durch sich selbst, sogar die Einsamen sind hier alleine, die Stille ist Pflicht. Was ist los hinter den Fenstern?    Gardinen als Tarnung, Blumen als Alibi, Licht als Lüge?

Da liegen sie in ihren Betten, Liebende mit heißem Atem, eng umschlungen, oder sie reden über die neue Dachisolierung oder die Verrohung der Sitten an den Schulen. Da werden Pläne gemacht für den nächsten Tag oder welche bereut vom vergangenen Tag. Irgendwo sitzt auch jemand auf dem Klo und klagt über Verstopfung und ein anderer sitzt hinter seinem Schreibtisch und trinkt Rotwein und denkt nach.
Seltsam, so eine Nacht. Sie legt sich als Isolation über das Dorf und doch liegen wir alle unter einer einzigen großen dunklen Decke.

Wir ziehen uns zurück, aus Angst, aus Müdigkeit, aus Pflichtbewußtsein. Wir nehmen für sechs bis acht Stunden den Kampf gegen uns selbst auf, alleine und ohne Ablenkung. Wir werden zu Helden oder Versagern, zu Tätern oder Opfern.
Nach und nach verlöschen die Lichter, wie Lebenslichter. Dunkle Löcher bleiben zurück, der Kreis der Wachenden wird immer kleiner. Schon verbindet uns ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wir widersetzen uns dem Schlaf und damit den Normen und Richtlinien des Körpers und der Gesellschaft. Das macht uns zu Außenseitern und gibt uns einen Vorsprung unseren schlafenden Mitmenschen gegenüber. Wir wissen mehr, erfahren es zu erst, aber wir sind einsamer. mit jedem erlöschenden Licht wird die Einsamkeit größer.

Mein Blick sucht die dunklen Gassen ab, meine Gedanken hoffen auf einen Verbündeten. In der Nacht werden wir alle verlassen. Von äußeren und inneren Strukturen, von Selbstbeherrschung und Selbstverherrlichung. von Freunden und Feinden. Wir sind verlassen, verloren und wehren uns mit 60 Watt Glühbirnen dagegen.
Jede Nacht sind es die selben Fenster, die beleuchtet sind, meines gehört dazu. Ich sitze hier und wache, doch ich bin vollkommen allein, denn die anderen haben nur das Licht brennen lassen, weil sie vor Angst im Dunkeln nicht schlafen können.
Sie schlafen aber, angefüllt mit einer anderen Angst vor einer anderen Dunkelheit.




DAS MÄDCHEN AM BACH

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Ich habe in der fremden idyllischen Altstadt in der Sonnen gesessen, ein Bier getrunken, dabei den Brief einer guten Freundin gelesen und ihr eine Postkarte geschrieben. Den gegenüberliegenden Hauseingang, mit Weinfässern davor und alten Laternen, habe ich fotografiert und in Büchern von Heine und Hölderlin geblättert.

Die Sonne scheint und ich bin einig mit mir selbst, als ich langsam weiter schlendere. Zwischen den alten Häusern komme ich an eine Brücke über einen Bach. Einige Meter entfernt ist ein Gartenlokal mit einer alten Mauer direkt am Wasser. Dort sitzt ein junges Mädchen und läßt die Füße mit den Sandalen im Wasser baumeln. Ich bleibe stehen und schaue zu. Sie ist hübsch und jung, irgendwo auf der Schwelle zwischen Kind und Frau, hat kurze Haare und ein langes Kleid an. Ganz versunken in ihre Gedanken und das Spiel mit ihren Füßen im Wasser, scheint sie alles um sich herum vergessen zu haben.

Ich spüre eine große Zufriedenheit, daß ich ihr zuschauen kann und vergesse ganz meinen Fotoapparat, den ich einstecken habe. Auch ich bin plötzlich ganz in Gedanken  und den Blick auf dieses Mädchen versunken.

So etwas wie eine Harmonie oder eine Übereinstimmung wächst zwischen uns und das scheint das Mädchen  plötzlich zu spüren. Sie scheut zu mir auf der Brücke empor und ich glaube, sie errötet dabei. Ich lächele sie an und sie lächelt zurück. Jetzt ist fast ein stummes Verständnis zwischen uns. Sie hat ihren linken Schuh ausgezogen, läßt ihn schwimmen und spielt mit den Fußzehen im Wasser.

Mir scheint, sie spielt für mich (mit mir!), denn immer wieder blickt sie zu mir empor. Wir lächeln beide immer noch.

So als hätte sie sich bei etwas verbotenem ertappt, zieht sie plötzlich den Schuh wieder an und setzt sich in dem Gartenlokal zu zwei Leuten in meinem Alter, vermutlich ihren Eltern.

Ich stehe noch eine Weile auf der Brücke, schaue hinunter in das Wasser und habe das Gefühl, der erste Mann in ihrem Leben gewesen zu sein.

 

 


UFERPROMENADE

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Langsam schlendere ich am Fluß entlang und genieße die warme Abendluft.

Auf einer Eisenbahnbrücke steht eine Diesellok und der Lokführer blickt zu mir herunter. Die Menschen, die mir begegnen sind meist auf dem Heimweg, von irgendwo her nach irgendwo hin, meist auf Fahrrädern, meist jung und sommerlich angezogen. In der Ferne höre ich Enten schnattern, tausende Insekten schwirren über dem Wasser, so als wäre es sichtbar gewordene Luft.

Auf einer Bank sitzt ein Stadtstreicher, den ich von weitem für einen Spaziergänger gehalten habe. Er hat wohl im Sitzen vor sich hin uriniert, denn eine wäßrige Spur zieht sich quer über den Weg. Während ich darüber steige blicke ich ihn an und er starrt mich aus roten Augen ebenfalls an. Ich rechne damit, daß er mich anspricht, doch scheinbar ist er dazu nicht mehr in der Lage. Dabei hätte ich ihm eine Zigarette angeboten, vielleicht auch ein paar Worte mit ihm gewechselt.

Brauche ich solche Leute, um zu sehen, wie gut es mir geht?

Ein paar Meter weiter liegt einer unter der Brücke in einem verdreckten Schlafsack. Er erschreckt, als ich stehen bleibe, scheint etwas wie Angst zu verspüren (oder ist es Hass?) und dreht mir dann den Rücken zu.

Ich stecke mir jetzt selbst eine Zigarette an, bevor ich langsam weitergehe.

Rentner mit Hunden kommen mir entgegen, Pärchen sitzen sich umarmend auf den Bänken. Von einer Brücke tropft Wasser auf meine Hose, was ich zu verbergen versuche, denn es sieht so aus, als hätte ich mich selbst beschmutzt. 

Irgendwie fühle ich mich fremd an diesem Fluß. Alle Menschen die mir begegnen, scheinen in anderen Welten zu leben, oder bin ich es, der aus einer anderen Welt stammt? Vielleicht sehen mich die Leute gar nicht, weil ich unsichtbar bin und diese Uferpromenade nur beobachte oder gar nur erfunden habe? Aber dann würden alle diese Menschen ja nur in meinem Kopf existieren und vielleicht tun sie das ja auch ein wenig.

Vom anderen Ufer klingt der Chorgesang von Heimatliedern herüber, vermutlich aus dem Bootshaus eines Vereines. Wenige Meter daneben kontrollieren zwei Polizisten einige Stadtstreicher. Spaziergänger bleiben stehen und schauen zu. Irgendwo schnattert noch immer die Ente wild und aufgeregt, weil sie ein schwimmender Hund im Wasser verfolgt. Ich bewundere dessen Ausdauer und ertappe mich dabei, wie ich den Rhythmus zu den Heimatliedern mit den Fingern auf einem Geländer trommele.

 
 


WARTEN AUF DIE U-BAHN

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An einem warmen Spätnachmittag gehe ich durch eine belebte unterirdische Ladenpassage und weiter zu einer tiefergelegenen U-Bahn Station. Ich spüre die laue Wärme und die Sonne zurückbleiben und mir einen muffigen Kellergeruch entgegen wehen. Auch die Wände und die Beleuchtung sehe ich kälter werden.

Dann stehe ich auf einem Bahnsteig, dessen Gleise sich an beiden Enden in großen dunklen Löchern verlieren, aus denen der Tod zu hauchen scheint. Die künstliche Beleuchtung läßt die merkwürdigen Gesichter der Menschen merkwürdig erscheinen.

Zum Merken würdig. Wie falsch gebrauche ich oft dieses Wort.

Alle wirken so farblos wie die Wände. Ich hefte meinen Blick auf die Kinoplakate. Roger Moore als James Bond, Otto Waalkes als er selbst, Amadeus von Milos Formann und ein Rockfilm mit Musik von Steve Wonder. Für einen Moment habe ich das Gefühl, daß diese Filme unser Leben verkörpern. Man spielt sie uns in unserer unterirdischen Welt vor, sie bilden die einzigste Farbe.

An der gegenüberliegenden Wand schürt eine überdimensionale lachende Hausfrau mit Einkaufswagen auf einem Coop-Plakat unsere Erinnerung. Ein Koch und ein Schornsteinfeger prosten sich mit einem Mineralwasser zu.

Ich verspüre große Lust auf ein Bier und auch etwas Angst vor einer solchen Zukunft.

Am Ende des Bahnsteiges läuft eine Rolltreppe und ein gleichmäßiges stampfendes Geräusch erinnert mich an den Maschinenraum eines Schiffes. Ich fühle mich wie ein Auswanderer im dritten oder vierten Unterdeck der Titanic. Die Menschen neben mir starren alle schweigend in die gleiche Richtung. Von der anderen Seite werden wir angestarrt. Mit all denen soll ich ertrinken? Ich halte Ausschau nach Fluchtmöglichkeiten, falls das Wasser kommt. Mir erscheint die Szene wie einem Sience-Fiction-Film entnommen und mit Statisten gut arrangiert. Ich bin einer davon und muß meine Rolle zu Ende spielen.

Plötzlich kommt eine Bahn. Ein helles Licht aus dem dunklen Schlund. Aufeinmal brummen, quietschen, Stimmen und Schritte. Hinter dem Steuer der U-Bahn sitzt eine junge hübsche Frau mit blonden Locken. Ich starre sie fasziniert an, kann nicht glauben, daß es so etwas gibt. Erwarte ich doch immer dickbäuchige Männer mit schütterem Haar und durchgescheuerten Ärmeln und mit eingepackten Butterbroten auf dem Armaturenbrett. Und jetzt plötzlich diese Frau. Sie lächelt sogar, sieht glücklich aus, obwohl sie eine Horde von mürrischen, frustrierten, dummschwätzenden und häßlichen Menschen durch die Gegend kutschiert. Ich glaube, sie steht über diesen Dingen und könnte, wenn sie wollte, mit ihrer Bahn davonfliegen.

Ich habe das Bedürfnis einfach in den Wagen zu steigen und mich von ihr durch die Nacht fahren zu lassen. Das ist so etwas wie mich ihr anvertrauen, ja fast ihr hingeben. Ich glaube, nur sie kann mich aus dieser Scheinwelt erretten.

Doch leider ist es nicht meine Bahn und ich schaue ihr nur nach. Ein helles Licht, das in einem dunklen Schlund verschwindet und wir bleiben auf dem Bahnsteig zurück: James, Otto, Amadeus und ich und das gleichbleibende stampfen der Rolltreppe, die, wie mir scheint, sich selbst parodiert.



© helled-lyrik stuttgart


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Neulich stand ich auf dem Münchner Marienplatz vor einer Boutique und wartete auf eine Freundin, die sich nicht für einen bestimmten Pullover entscheiden konnte. Ich beobachtete das bunte Treiben vor den Geschäften und die vorübereilenden Menschen.

Plötzlich wehte mich der Geruch einer Zigarre an, oder besser: der Gestank.
Ein älterer Mann stand neben mir vor einem Schaufenster und er hatte eine dicke Zigarre im Mund, welche diesen fürchterlichen Gestank absonderte.

Mein Großvater fiel mir plötzlich ein, über dessen stinkende Zigarren meine Großmutter sich fast sechzig Jahre lang aufgeregt hatte. Mit der Erinnerung an ihn verbinde ich immer eine meist erloschene Zigarre, so dass es mir unvorstellbar erscheint, daß es zu seiner Jugend irgendwann einmal anders gewesen sein könnte. Wahrscheinlich hatte meine Großmutter ihn nur deshalb geheiratet, um sich ihr Leben lang über diese Zigarren ärgern zu können und er hatte sich ihr zu liebe nie das Rauchen abgewöhnt.

Alle Jungs in der Nachbarschaft hatten damals am Kiosk behauptet, Zigarren für meinen Opa holen zu wollen, wenn sie selbst etwas zum Rauchen haben wollten. Hätte der Mann im Kiosk das nicht längst gewusst, er müsste meinen Großvater für einen Kettenraucher gehalten haben.

Auch den ersten Apfelwein hatte ich heimlich aus seiner Flasche getrunken. Es stand immer eine Flasche Apfelwein neben seinem alten Ohrensessel.  Er schmeckte abscheulich, aber mir war klar, zum alt werden gehörten Zigarren und Apfelwein.

Und andere wichtige Dinge habe ich von meinem Großvater gelernt, z.B. die Scheibe Brot in kleine Würfel, sogenannte Reiter, zu schneiden, Käse mit Senf zu essen oder überhaupt beim Essen mit dem Messer zum Mund zu gehen, ohne mich ernsthaft zu verletzten. Und keine Pilze zu essen, denn es könnte ein giftiger darunter sein. Und wenn meine Oma dann fragte, was er alleine machen wolle, wenn alle anderen an Pilzvergiftung gestorben wären, winkte er nur gelangweilt ab.

Der Mann mit der stinkenden Zigarre war weitergegangen, der Geruch verflogen.

Ein Dichter, dessen Namen ich leider vergessen habe, hat einmal geschrieben: Erinnerungen an die Kindheit sind meistens Gerüche.

Als meine Freundin aus dem Laden kam und sich für mein langes Warten entschuldigte, konnte ich nur antworten: Die Zeit ist viel zu schnell vergangen.

(München,  in den 90igern)


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Als ich den aktiven Badminton-Sport aufgegeben habe, ist mir dieser Text eingefallen:



du hast die zeichen übersehen,
aus blindem eifer oder aus eitelkeit
und so bricht sie plötzlich und unerwartet
über dich herrein:
die große einsamkeit.
du stehst auf dem platz,
der plötzlich unendlich weit wird
und unendlich leer.
auf den rängen zeigen alle daumen nach unten
und du bist alleine, wie nie zuvor.

alles was dir halt und kraft gegeben hat,
scheint sich aufzulösen,
vertraute bewegungen werden fremd,
nichts gelingt mehr
und du begreifst:
etwas ist zu ende.
der erste schritt in die seniorenmannschaft
oder in den ruhestand.
es gibt zwar einen dritten frühling,
aber nur einen herbst.

etwas in dir ist gestorben,
ein kleiner tod auf dem weg
zur letzten auswechselbank.
natürlich hast du es gewusst,
dass es einmal so weit sein wird,
aber du willst es nicht glauben.
und etwas in dir will noch einmal
den kampf dagegen aufnehmen,
aber einen teil deines selbstvertrauens
hast du in diesem letzten moment
auf dem platz zurückgelassen.

und nun hast du angst
vor dieser großen einsamkeit,
die da draußen auf dich lauert.
wieder ist ein teil deiner gegenwart
zur vergangenheit geworden,
nicht der erste und nicht der letzte.
du willst es noch einmal wissen,
dabei weißt du es doch schon längst:
du hast nicht mehr die kraft zu gewinnen,
aber du hast auch noch nicht die kraft
zu verlieren.




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Ich hatte mit meinem Freund Hans eine Wanderung am Walchensee gemacht. Bei der Rückkehr zum Auto saßen wir noch eine Weile am Ufer. Er saß einige Meter neben mir, blickte nachdenklich auf den See und es entstand folgender Dialog, der nicht geplant oder abgesprochen war:    

Er: Hier sieht es aus wie in Kanada.
Ich: Aber die Weite fehlt.
Er: Die Berge sind auch niedriger.
Ich: Und es gibt keine Bären.
Er: Und keine Elche.
Ich: Und keine Wölfe.
Er: Auch keine Indianer.
Ich: Und keine Lachse.
Er: Keine Weißkopfadler.
Ich: Auch keine Totempfahle.
Er: Und zu viele Menschen.
Ich: Außerdem zu viele Häuser.
Er: Und auch zu viele Geräusche.
Ich: Auch die Wolken sind ganz anders.                                   
                                        (kurze nachdenkliche Pause)
Er: Aber sonst sieht es aus wie in Kanada.

(2008)




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Ist es zulässig, dass man seiner Kundenberaterin bei der Bank sagt, dass sie eine bezaubernd schöne Frau ist? Noch dazu, wenn eine ganze Generation uns trennt.?
Heißt es da nicht gleich, ein älterer Mann macht eine junge Frau an?
Was will der Kerl von ihr?

Nun, er will nichts.
Einfach nur sagen, wie schön sie ist und wie sehr sie ihn beeindruckt hat.
Aber in unserer heutigen Zeit ist das eben nicht mehr so einfach.
Es ist aufdringlich, distanzlos, plumpe Anmache,
dabei ist es einfach nur ehrlich.

Wird so eine, nun doch etwas ungewöhnliche offene Aussage noch verstanden, auch über die Distanz von einer Generation hinweg? Wie viele Menschen laufen täglich aneinander vorbei, ohne sich gegenseitig wahrzunehmen? Manchmal kann ein Wort die Bewegung dieser anonymen Masse zum Stillstand bringen. Jemand, der etwas sagt, was sonst keiner sagt, weil es nicht üblich ist:

Du da, in der Menge dort, du gefällst mir. Was du tust, sagst, wie du dich bewegst, das beeindruckt mich. Ich kenne dich nicht, aber ich will, das du das weißt.

Ist es nicht schön, von fremden Menschen wahrgenommen zu werden? Aber leider ist es auch ein Zeichen unserer Zeit, hinter diesem Wahrnehmen sofort andere Absichten zu vermuten.

Aber was soll`s? Ich habe mich noch nie an vorgeschriebene Konventionen gehalten und habe auch keine Angst davor, in Fettnäpfchen zu treten. Ob es eine beeindruckende Frau ist, oder ein interessanter Mann..., ich möchte es denen sagen, dass sie mir aufgefallen sind. Nur einen kleinen Moment inne halten und mein Gegenüber genau ansehen und dann auch sagen, was ich sehe... und fühle.
Wenn das einmal nicht mehr möglich sein sollte, dann wäre auch jede Begegnung überflüssig.

Und deshalb habe ich meiner Kundenberaterin bei der Bank gesagt, dass sie eine bezaubernd schöne und nette Frau ist. Und dass mir ihr erster Anblick schier den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Ach, manchmal würde ich gerne fallen. Und dass mir ihre Nähe gut tut, dass ich mich dabei aber auch sehr alt und wie aus einer anderen Welt fühle.

Ich bin sehr empfänglich für Schönheit und Jugend, bewundere sie manchmal und respektiere sie und lasse mich auch gerne von ihr verwirren. Vielleicht weil ich glaube, dass ich selbst nie so jung gewesen bin, und schon gar nicht so schön. Und weil ich jetzt in einem Alter bin, wo ich es nicht mehr sein muss, kann ich es mir auch leisten.

Und es ist auch nicht mehr so wichtig, ob andere mich verstehen.
Nur bei ihr, da wäre es mir dann doch wichtig!
Dieser Text heißt „Blumenwiese“, weil ich ihr diese große wunderschöne Wiese geschenkt habe. Jedes andere Geschenk wäre anmaßend gewesen.


(für Christina - münchen Juni 2008)


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...für Erwin   -        und Inge, Peter, Roman...  und all die anderen...

Er war ganz überraschend gestorben. Das heißt, für alle anderen war es überraschend, wie es für ihn selbst gewesen ist, weiß niemand. Der Gedanke, dass es für ihn vielleicht die einzigste Möglichkeit gewesen sein mag, aus diesem seinem Leben heraus zu kommen, ist mir erst viel später gekommen. Aber das wäre jetzt eine andere, zu persönliche Geschichte, um die es hier nicht geht und die ich auch gar nicht erzählen möchte.
Er war zehn Jahre jünger als ich, das ist kein Alter zum Sterben. Der Anruf seiner Schwester erreichte mich noch vom anderen Ende der Welt und wir trafen uns dann in Berlin, wo er zuletzt gelebt hatte.

Für mich eine Reise in die Vergangenheit. Vor über fünfzehn Jahren wohnte ich ganz in seiner Nähe, aber wir hatten uns nie gekannt. Kreuzberg ist ein lebendiger Stadtteil, für die Lebenden und für die Toten. Meine frühere Lebensgefährtin und spätere Freundin in Berlin, ein wichtiger Teil meiner Vergangenheit,  schaute mir inzwischen auch längst von einer höheren Sphäre zu.
Seine Schwester, meine Freundin, war um die halbe Welt gereist um den Nachlass zu regeln. Und ich war 700 Km in die Vergangenheit gefahren. Und wir begegneten uns nach langer Zeit  in diesem Berliner Treppenhaus wieder.

„Die Welt ist klein und wir sind groß. Wir sehen uns alle einmal wieder in Berlin,“  hatte ich vor fast zwanzig Jahren zum Abschied an meine Freunde geschrieben, damals, als ich nach Berlin gezogen war, um dort jenes neue Leben zu beginnen, das inzwischen längst wieder zur Vergangenheit geworden ist. Aber es beinhaltete eine bewegte und ereignisreiche Zeit, inklusive des Falls der Mauer. 

Ich habe bei einem abendlichen Spaziergang meine damalige Straße in Kreuzberg aufgesucht und festgestellt, alles ist noch vertraut und doch fremd. Was ist von meinem Lebensabschnitt geblieben, den ich hier verbracht habe?
Noch heute denke ich an den Abschied, meine letzte Autofahrt durch die Stadt, ganz langsam, um noch einmal alles zu sehen. Es war ein sonniger Frühlingstag.

Auch er war einmal für ein neues Leben nach Berlin gezogen. Und nun verließ er seine Stadt in einer Urne. Es war wieder ein sonniger Tag und wieder fuhr ich ganz langsam und schweigend aus Berlin hinaus, beladen mit der wieder lebendig gewordenen Vergangenheit und der ewig alten und jedes mal neuen Gewissheit um die Begrenztheit unseres Daseins. Neben mir meine gute langjährige Freundin und auf deren Schoß die Urne mit der Asche ihres Bruders, die sie die nächsten 700 Kilometer nicht mehr loslassen sollte. Eine unkonventionelle letzte Reise, nach einem ebenso unkonventionellen Abschied von einem kompromisslosen Leben.

Es war seltsam, einem bisher unbekanntem Leben näher zu kommen, wenn es vorbei ist. Eine Wohnung war zurückgeblieben, die jetzt geräumt und verkauft werden musste. Fremde Hände wühlten in persönlichen Sachen, die ihm einmal wichtig gewesen waren, aber jetzt ihre Bedeutung verloren hatten. Die Menschen, die jetzt darüber entschieden, was wichtig war und was nicht, die alten Freunde und die Schwester, hatten andere Maßstäbe. Jeder nahm, was er brauchen konnte, ein letzter Flohmarkt, der Ausverkauf eines Lebens.

Und doch war es eine seltsame Erfahrung, die ich hier machte, vielleicht eine der wichtigsten in meinem Leben: der würdevolle Umgang mit den Sachen des Verstorbenen. Allen voran meine Freundin, die vom Leben ihres Bruders auch nicht so viel wusste, aber jede Kleinigkeit akzeptierte, egal ob gut oder schlecht. Aber wer will letzteres schon entscheiden? Teilweise wurden die Sachen mit einer Sorgfalt sortiert, verpackt oder weggeworfen, die er selbst so nie angewandt hätte. Es wurden auch Dinge aus ihrer Vergangenheit gefunden, von denen sie nicht wusste, dass er sie noch aufgehoben hatte. Wenn ich nicht schon längst von ihrer charakterlichen Größe gewusst hätte, ich hätte sie spätestens da erkannt.

Diese schwere Stille, die unter dem trüben Licht in der verlassenen und verräumten Wohnung hing, lastete schwer auf mir. Und ich begann mir vorzustellen wie das einmal eines Tages mit meiner Wohnung sein würde. Was würde einmal von meinem Leben übrig bleiben und wer würde entscheiden, was einen Wert hat und was nicht. Und für wen?

Manchmal denke ich mir, man sollte all die Dinge, die man in seinem Leben um sich herum angehäuft hat zu gegebener Zeit auch wieder abschaffen. Nichts sollte übrig bleiben, außer einem selbst. Man sollte so gehen, wie man gekommen war. Nur so könnte man auch selbst entscheiden, was wichtig ist und was nicht und wer was aufheben oder vernichten soll. Da man aber nur sehr selten weiß, wann der Moment gekommen ist, kann man sich nur solche Menschen wünschen, wie ich sie in Berlin kennen gelernt habe, die dann alles stellvertretend regeln.

Und die Erinnerungen sollten sich ohnehin nur auf die Personen beschränken und wenn man Glück hat, auch auf die gemeinsam verbrachte Zeit.


(München, Mai 2008)             (Foto: Starnberger See - Links: Monterosso/Liguria)




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Buchempfehlung: "Cees Nooteboom: die folgende Geschichte"  (Suhrkamp)

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An dieser Geschichte arbeite ich gerade...


Die Idee zu dieser Geschichte kam mir bei meinem Besuch in Stuttgart im November 2010, wo ich auf den Spuren meiner Vergangenheit unterwegs war.                    Sie liegt mir sehr am Herzen, aber sie erst so langsam am Entstehen...

(für Grete und Hans)

(Foto und Link: San Elpidio bei Ancona + Link: Dornhaldenfriedhof Stuttgart und Buchtitel "Rosenfest" von Leander Scholz, dtv.)



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Regenbogen     über             München-Giesing


"Etwas furchtbares ist geschehen, denn nichts ist geschehen!"


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(sämtliche Texte und Fotos: cop. by h. lederer)   

 
     
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