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Atacama/Chile              ________________         "Laß uns überdrüssig sein, dessen was tötet und dessen, was nicht sterben will."                   (Pablo Neruda)








dornröschen erwacht                                                                               (TÜRKEI)

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da sitze ich nun wieder in                                                      in der kleinen kneipe
und das meer und der wirt
sind immer noch die selben -
und der abend kommt
wie immer von den bergen
ein paar alte sitzen da und reden
ein paar kinder spielen noch
und der alte lkw steht auch noch dort -
die kleinen boote schaukeln leise
ein paar katzen suchen
nach vergessenen fischen
und in der ferne tuckert
irgendwo ein motor -
und ich hole ganz tief luft
leg mich in meinem stuhl zurück
schließe kurz die augen
und hole ganz tief luft

doch hinter meinem stuhl
steht schon ein bagger
und wartet nur darauf
daß ich mich erhebe -
doch ich halte mich an meinem glas fest
und ich bleibe - nein ich geh nicht -
nein ich bleibe
vielleicht liegt ja alles nur an mir?
und der mond steht schon am himmel
und ich seh die erste fledermaus
oder ist das etwa schon die letzte?
fledermäuse leben nur in alten mauern
und niemals in neuen hotels -
meine lippen schmecken salzig
doch das ist wohl nur die seeluft
das muß die seeluft sein
oder sind das tränen?

denn hinter meinem stuhl                                              steht schon ein bagger
und wartet nur darauf
daß ich mich erhebe                                  doch ich halte mich an meinem                                                                              glas fest
und ich bleibe -  ja ich bleibe -
aber unter meinen füßen
asphaltieren sie das meer -           

bringt euere netze schnell noch heim
heut habt ihr darin noch fische
morgen sind es nur noch erinnerungen -
dann schließt der wirt die kneipe ab
und der letzte macht das licht aus
und ein letztes lächeln
gelingt dann nur noch im rausch -
dann geh auch ich ganz langsam heim
mit meinem vollen netz                             

und über meinen stuhl
rollen dann die bagger
die kinder und die katzen fliehen
und die alten männer
sind schon lange nicht mehr da -
die kleinen boote werden immer größer
und das meer wird immer kleiner -
wer reicher wird
wird manchmal ärmer
und dornröschen erwacht -
wachgeküßt von vielen tausend
falschen prinzen
trauert es den schönen träumen nach



Karaburun/Türkiye




lied des allein reisenden

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da ist niemand, der mir sagt,
komm lass uns mal dort hin gehen
oder lass uns in den schatten setzen,
ich bin müde, oder
hilfst du mir mal gerade eben...
da ist auch keiner, den ich mal
um hilfe bitten kann
und zu dem ich sagen kann,
du schau mal dort, wie schön...

   ich kann machen was ich will,
   ich kann lassen was ich will,
   auch wenn ich es gar nicht will...

niemand teilt das brot mit mir,
trinkt ein schluck von meinem bier,
oder paßt auf meine tasche auf,
wenn ich mal zur toilette muss.
keiner der mir gute nacht sagt
oder morgens fragt:
hast du gut geschlafen,
komm erzähl mir deinen traum.
keine freude ist zu teilen
und kein leid -
und weil niemand auf mich wartet,
hab ich unendlich viel zeit.

   ich kann machen was ich will,
   ich kann lassen was ich will,
   auch wenn ich es gar nicht will...

freiheit ist ein seltsam ding,
alleine sein ist sie aber nicht.
auch im schweigen liegt sie nicht,
nicht in einem fremden land,
manchmal liegt sie nicht einmal
in deiner eigenen hand.
jemand, der mir freiheit gibt
wenn ich sie brauche
und mich nicht darum kämpfen lässt,
für den verzichte ich gerne darauf.

   ich kann machen was ich will,
   ich kann lassen was ich will,
   auch wenn ich es gar nicht will...



(Fotos aus der Türkei, Sizilien, Link: Olymp/Griechenland)





laß die nacht kommen                                                               (GRIECHENLAND)

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laß die nacht kommen 
das geschrei der kinder
das letzte licht vertreiben -
die fliegenden mäuse
kommen aus ihren höhlen
die ersten hunde bellen
den noch nicht vorhandenen
mond an

laß die nacht kommen
über die grünen hügel
olympias
und die abfallberge
der zivilisation -
die fünf-städte-tour
macht pause
vier reutlinger einen
kameradschaftsabend

laß die nacht kommen
über die alten säulen
und die jungen leute
vor den discotheken -
die zelte sind errichtet
man wird empfänglich
für folklore -
unter neonlampen abseits
sitzen motten und
einsame alte griechen

laß die nacht kommen                                                                                 über die jungen motorradathleten
und ihre fleischlichen siegesprämien
vergessene strohhüte hängen
an den wänden und warten
auf kahle leere köpfe -
alte frauen denken
an ihr tagwerk
und würden gerne
auf treppen sitzen

laß die nacht kommen
über delphi und olympia
sie sind die narben
auf der griechischen haut -
das ferne licht am horizont
ist nicht der mond
sondern ein zug
der aus einem tunnel kommt -
eine große traurigkeit
tarnt sich mit blühendem oleander
und hibiscussträuchern
nur in den silbergrauen
olivenbäumen liegt noch etwas
von der wahrheit dieses landes

laß die nacht kommen                        
und den wein
und die liebe
für die menschen
die erde
für dich -
betrunken wollen wir überleben
berauscht von unserer
naiven freude
über die schönheit

(alle Fotos aus der Türkei)








mädchen von luarca                                                                              (SPANIEN)

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auf einer mauer sitzen                  
im hafen
geborgen in freundschaft
zukunft als selbstverständlichkeit
gegenseitiges haare kämmen
gemeinsames lachen

vierfache übereinstimmung
und sorglosigkeit
beim baden
in dem nicht ganz sauberen
wasser

ich beneide euch
und bewundere euch
ihr seid so schön
weil jung

und ich muß euch
um verzeihung bitten
denn ich verkörpere
eueren feind
den ihr bald lieben werdet
und der euch zerstören wird




spanische braut
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den letzten schritt
in die eigene richtung
in den wind
von ribadeo
den du eintauschst
gegen das glück

aus kühlen mauern
hinaus in den
warmen abend -
vor dir
die erste nacht

jubelrufe jener
die es noch vor sich haben
und dich beneiden
und etwas verhaltener
jener die es hinter sich haben

gescheiterte fluchtversuche
in den augen
                                                           eines durchreisenden
                                                           dem beim anblick euerer dörfer
                                                           das wort ausweglosigkeit einfällt
                                      
                                                           wem galt dein lächeln                                                              und wem deine tränen?



pamplona
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der stier ist tot
es lebe der stier
und der tanz
auf der straße

die opfer sind gebracht
die gläser gefüllt
das leben ist wieder
so richtig greifbar

endlich mal raus
aus den dunklen
feuchten wänden
ohne fließend wasser
das arbeitsamt vergessen
und den vetter in deutschland

endlich sind die mädchen da
und fragen nicht
wer du bist
und du
bist ein torrero

jubel und musik
gelten dir nur heute
und morgen
seid ihr alle wieder gleich -
der tote stier
und du





Volcan Osorno / Chile
 

 








paris                                                                                                    (FRANKREICH)

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ein zeitloses wesen
schon früh ergraut
mit jugendlichen augen
unzufrieden
mit tausendfachem
nachwuchs
und mit etwas angst
nun doch noch zu sterben

der große eiserne turm
mit den legenden
von den todessprüngen
und den aussichtslosen
unter den seinebrücken
dem glanz und der pracht
zurückliegender zeiten
und der zementierten
zukunft

auf montmartre                                                                                         wird deine seele sichtbar
und teuer verkauft
du wirst ersticken
in wolchen aus
parfüm und benzin

wenn ich dich auch
nicht lieben kann
so habe ich wenigstens
verständnis









in lissabon                                                                                                (PORTUGAL)

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zwischen deinen mauern
leben sie
die eroberer und gestrandeten
ein wenig von deinem
verblichenen glanz
haben sie sich in ihren
augen bewahrt

sie stehen vor einem
großen tor zur welt
und träumen davon
es einmal wieder zu öffnen
ihren entdeckern
haben sie denkmale gebaut
doch heute gibt es
nichts mehr zu entdecken

so seid ihr
fundamt und casino
kirche und kneipe
und alles mehr
schlecht als recht

was ich so liebe
ist euere
große vergangenheit








tanger                                                                                                        (MAROKKO)

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nachts kamen wir in tanger an
die lichter waren kolonien von funken         
eines leuchtfeuers an der nordküste afrikas
die schlaglöcher im asphalt waren
die fußabdrücke der dunklen riesen

als es tag wurde war der himmel
die decke eines schlecht gelüfteten zimmers
weiß gekalkt und etwas brüchig
ein großer ventilator drehte sich langsam
und schnitt die zeit in scheiben

im hafen wurden sie angeschwemmt
die träumenden aus den bergen
die ernüchterten aus übersee
die schwitzenden touristen
das nichtstun war die legalisierte möglichkeit
keine fehler zu machen

nachts sollten wir auch wieder gehen
und alles zurücklassen
was da bunt und fremd ist
die dunkelheit ist unser freund
und wir sollten sie suchen
zwischen den grünen teppichen
die man über die hügel gerollt hat

wenn wir den neuen tag begrüßen
sollten wir das weite land sehen
das weite land und das meer

 
   






die geteilte zeit                                                                                         (ITALIEN)  

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auf der piazza die giusto
wird die geteilte zeit vereint -
die mädchen bewegen sich
zwischen spiel und koketterie
die buben fangen an
sie heimlich zu beobachten
und wenn sie älter sind
schwanken sie zwischen kraft
und ersten gefühlen

die frauen reden und stricken
und beobachten die kleinen
die männer trinken
und spielen boccia
die alten sitzen schweigend da
und schauen

jeder sieht hier
was auf ihn zukommt
und was er hinter sich hat -
die jungen belächeln die alten
wegen ihrer lethargie
und die alten belächeln die jungen
wegen ihres übermutes

aber sie geben sich gegenseitig
die kraft hier zu sitzen
hier zu leben ...
auf der piazza die giusto
wird die geteilte zeit vereint

                                                                                              (Venezia)





moos auf den steinen         
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hohe mauern
teilen den himmel
in blickwinkel
und standpunkte

aus kleinen löchern
zwischen brüchigen steinen
weht vergeblich
der hauch der
vergangenheit

die macht
und die größe
schauen herunter
auf die ohnmacht
und den größenwahn

mit der hand
am chiantiglas
und der stirn
auf moosigen steinen                                                                              läßt sich sogar                                                                                        die zukunft 
ertragen






ponte vecchio
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die vergoldeten
und verlorenen
träume -
von millionen füßen
zertretene
vergangenheit

im nebel
verschwunden
in der sonne
erwacht -
gestorben
und auferstanden
für kitsch
und kunst
und trauer

nur manchmal                                                                                    nachts
spiegelt sich
im trüben wasser
des arno
etwas anderes
als das
was wir sehen


 

 




macht der vergangenheit
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hoch über der stadt
hängt ein
unsichtbarer mond
hinter der sonne -

mühsam ist der weg
ans licht
und von der
vergangenheit
in die zukunft

die macht und
die herrlichkeit
sind auf der strecke
geblieben -

nur die augen
wenn ihre blicke
auf der sterbenen tochter
im dunst der jetzt-zeit liegen
verraten noch etwas
von dem stolz -

oder ist es vielleicht nur
ein unwissendes lächeln 

      

(Fiesole/Firenze)




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ich weiß nichts von dir
und du nichts von mir
es zählt nur das jetzt
und nichts anderes gilt -
das feuer am krater
der rotwein in der asche
tausende sterne
und du und ich.

die nacht auf stromboli
endlich ohne morgen
es gibt kein erwachen
alles endet
in einem unendlichen schlaf -
keine fragen  keine zukunft
und keine geschichte
nur ein unendliches jetzt.

und ich weiß nichts von dir
doch wozu auch
du bist bei mir
in diesem moment -
und du weißt nichts von mir
doch wozu auch
ich bin bei dir
in diesem moment.

sind es hundert jahre
oder tausend -
wenn ein vulkan schläft
oder erwacht
bedeutet das nichts mehr.

diese nacht auf stromboli
ist unsere erfüllung
oder bleibt unser rätsel
denn all unser wissen
nützt nicht mehr sehr viel -
ob wir überleben
oder untergehen
ertrinken oder verbrennen
ist nur ein teil
von diesem spiel.
                                                                                          
ob wir es begreifen
oder bestaunen
zählt jetzt nichts mehr -
fragen sind zwecklos
jetzt heißt es leben
oder sterben
oder beides -
nur dabei sein müssen wir.
                   
wir wissen nichts von einander
und werden es nie wissen
doch wir halten uns fest
und nur das alleine zählt -
wir halten uns fest
weil nur das alleine zählt.


Volcano Stromboli - für Dich

aus: "Die Stromboli-Trilogie"          






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der himmel ist zerrissen,
über dem meer ist der horizont
eine mit dem messer gezogene linie.
die grünen berghänge
färben sich langsam weiß,
bevor sie in einer mischung
aus rauch und wolken
ihre konturen verlieren.
der gipfel läßt sich nur erahnen.

hinter diesen drohenden wolken
lauert ein lebewesen,
gigantisch groß,
unbegreiflich und gefährlich.
ich bin nur ein kleines nichts
zu seinen füßen
und habe ihm nichts
entgegenzusetzen,
außer meiner ehrfurcht
und bewunderung.

ich spüre aber,
wie er mich beobachtet
und wartet.
er weiß, daß ich zurückgekommen bin.
seit meiner ersten begegnung mit ihm,
als er gerade schlief,
aber doch mit einem auge blinzelte,
komme ich nicht mehr frei von ihm.
inzwischen ist er erwacht
und ich bin wieder hier.
sein rufen hat mich erreicht!
dies ist nur eine sache
zwischen dem ätna und mir
und nur wir beide
können sie zu ende bringen.              

er ist ein großes
leben und tod spendendes wesen,
verkörpert anfang und ende
der menschheit
und mein aufenthalt auf erden
ist nicht mehr,
als ein kurzes glühendes fauchen
in seiner zeitrechnung.
ich bin ihm nicht gewachsen
und muß das schmerzlich,
doch auch zufrieden
einsehen.
                          
solange ich noch die kraft habe
hier her zu kommen
um hier in seiner allzeit spürbaren
und besitzergreifenden nähe
einen hauch der vergangenheit
und der ewigkeit zu erfahren,
solange bin ich noch nicht verloren.

ich habe auch diesmal
seinen gipfel nicht erreichen können
und ich fühle,
daß dies der einzige berg ist,
den ich nicht bezwingen will.
da ist eine macht,
die ich nicht herausfordern darf,
denn entweder tötet sie mich
oder ich meine faszination.
beides wäre gleich schlimm.


Volcano Etna - der höchste der Gipfelkrater

(1 Jahr später habe ich den Gipfel mit ca. 3350 m bestiegen
und am Kraterrand gesessen, später noch mehrmals. Die Besteigungen des Ätna sind alpinistisch nicht schwer, jedoch sehr langwierig, wetterabhängig und im oberen Teil auch von der Aktivität abhängig. Übrigens ist meine Faszination nicht gestorben, wie in dem Gedicht angedeutet, sondern wie mein Respekt eher gewachsen.)
(Fotos: Ätna-Gipfel und Eisenbahn rund um den Ätna: "Circumetnea")



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Atacama/Chile



"Jahrelang war ich unterwegs, um das Wort "Schönheit" zu begreifen und dann brauchte ich dich nur anzusehen."



Es existiert noch eine alte, nicht überarbeitete Homepage mit Fotos von meinen Chile-Reisen. Hier können sie  die Bilder anschauen.    (Klick auf Foto Salar de Atacama)



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(Sämtliche Texte und Fotos. Cop. by h.lederer)

 
     
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